FOTOS: privat
Von Oliver Mengedoht
Dorsten. „Ich wollte nach Südafrika, er nach Macchu Picchu.“ Schließlich einigte sich das Ehepaar Staude aus Dorsten-Hervest aber doch auf die Vereinigten Staaten von Amerika, ein Reiseziel, dass Helmut (66 Jahre) und Lilli (60) eigentlich schon mehrfach bereist haben. Trotzdem: „Wir haben immer wieder gestaunt!“
„Dieses Freiheitsgefühl gibt es so nur dort“, ist Lilli Staude immer noch begeistert, wenn sie von dem letzten Urlaub erzählt. Dabei war das selbst für das reiseerfahrene Globetrotter-Pärchen keine gewöhnliche Reise: Vier Monate wollten die beiden Lippestädter in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten verweilen – was sich als gar nicht so einfach erwies.
In zahllosen Ländern der Erde haben die beiden schon Urlaub gemacht, dabei viel erlebt. „Ob im 6-Sterne-Hotl auf Bali, in Maharadscha-Palästen in Indien oder hochschwanger im Zelt in der Eifel, wir haben viele Formen des Urlaubs erlebt, aber Amerika mit dem Wohnmobil ist zum Favoriten geworden“, schwärmt Lilli Staude. „Nirgendwo sonst hatten wir das Gefühl unendlicher Freiheit; die grandiose Natur, die unendliche Weite, die aufgeschlossenen Menschen, abends am Lagerfeuer mit Steak, Salat und Budweiser den Tag Revue passieren lassen.“
Auch in den USA waren sie schon mehrfach für mehrere Wochen. Doch diesmal sollten es 16 Wochen durch Prärie, Steppe, Gebirge, große und kleine Städte sowie Naturwunder werden. Bevor das große Abenteuer begann, waren Fotos, Fingerabdrücke und viele Angaben für die erforderlichen Visa – samt persönlicher Vorsprache im amerikanischen Konsulat in Frankfurt beinah noch das einfachste.

„Wenn wir einreisen, hat man uns und unser Umfeld schon völlig durchleuchtet, ist aber okay. Aber wer passt solange auf das Zuhause in der Lippestadt auf? Wer mäht den Rasen, erntet die Kirschen, wer füttert die Teichfische, wohin so lange mit der Post – uns was kommt alles in die Koffer?“
Die Amerikaner verlangen ein definitives Ausreisedatum, die Fluggesellschaften jedoch buchen keine Flüge über 90 Tage hinaus. Nur eines von vielen kleinen organisatorischen Problemen, welche Staudes im Laufe der Vorbereitung zu ihrer 120-Tages-Tour zu bewältigen hatten. Die Vorbereitungszeit habe länger gedauert als der eigentliche Urlaub.
„Früher bin ich wie ein Uhrwerk gelaufen, habe gearbeitet und hatte nun plötzlich Ruhe“, erinnert sich die 60-Jährige daran, wie nach ihrem Herzinfarkt vor zwei Jahren alles anders wurde. „Ich dachte, das Leben wäre zu Ende!“ Aber dann, berichtet sie, „sind wir doch neu durchgestartet.“

Am Ostersonntag ging es los, bei Eiseskälte und Schneegestöber im Ruhrgebiet von Frankfurt aus. Ausgestiegen sind Staudes elf Stunden später in der Wüstenstadt Las Vegas – bei strahlendem Sonnenschein und 24 Grad.
Nach kurzem Aufenthalt in der Spielerstadt – das Glas Bier für 10 Dollar, aber Jeans und Turnschuhe sind perfekt, man sieht selten Pumps – sind nach den bekannteren Touristenzielen der vorherigen Touren diesmal die eher kleinen National-und State Parks gelant. „Vorher meist im Eiltempo, viel sehen in kurzer Zeit. Jetzt wollen wir viel sehen und genießen mit viel Zeit!“
Man könne gar nicht alle Naturwunder aufzählen, die sie gesehen haben, meint Lilli Staude: Grand Canyon, White Sands, Lesson Vulcanic Park, Carlsbad Caverns, Niagara Falls, Zion National Park, Bryce Canyon, Canyon de Shelley, Yosemiteh und Yellowstone Park und viele viele mehr… Es ging durch Nevada zur mexikanischen Grenze, durch Arizona, New Mexiko, Texas, Arkansas, Tennessee, Kentucky, Ohio, Pennsylvania, New York, Ontario, Minnesota, Michigan, Wisconsin, North Dakota, Montana, Idaho, Washington, Oregon, Kalifornien und Utah sowie verschiedene Zeit-und Klimazonen.

Atemberaubend war die Landschaft etwa am Hoover Dam: Kiefernwälder und Steingebirge, die Erde rot wie in Kenia oder smaragdgrün. Beim ersten Abend auf dem Campingplatz im „Dead Horse Ranch State Park“ mit Deutschland-Fahne und „Star Spangled Banner“ am Wohnmobil, kommen gleich neugierig Gesprächspartner zu den Deutschen. Um 20 Uhr klopft ein Nachbar, will einen Film vorbeibringen, „aber dass wir gar kein TV im Camper haben, kann er sich nicht vorstellen! Er ist aus allen Wolken gefallen und hat sich gefragt, wie das vier Monate geht.“
115 Tage in Amerika – und jeder hatte seine ganz besondere Geschichte. Wie zum Beispiel Muttertag: „Mein Triband-Handy zeigt mal wieder kein Netz an, dabei würde so gern meine Mutter anrufen.“ Aber weit und breit gab es kein Übersee-Telefon in Wisconsin, weit weg von größeren Orten. An einem Supermarktparkplatz fragt Staude eine Frau, ob sie Rat weiß. „Die gab mir aber wie selbstverständlich ihr Handy. Ganz normal, mir zu helfen, ohne auch nur einen Cent zu nehmen.“ Die Hilfsbereitschaft in den United States werde groß geschrieben, „das konnten wir immer wieder erfahren“.
Die Kontraste in der „White Sands“-Wüste waren einmalig, das Diamanten-suchen in Arkansas für 6 Dollar pro Person ein (erfolgloser) Spaß. Immerhin kamen bei dem Nervenkitzel auf dem Diamantenfeld, das wie ein überdimensionales Spargelfeld aussah, „schönste grüne, rote und blaue Steine“ heraus, welche die Lippestädterin abends aus dem Dreck wäscht. Tatsächlich wurden hier allerdings schon Diamanten gefunden, ein 40-Karäter 1924 und ein 16-Karäter 1972 – und erst im März ein 2-Karäter von einem elfjährigen Mädchen.

Ein weiteres Highlight auf der Traumreise der Staudes waren die Niagara-Fälle. „Ein atemberaubender Anblick, wie die Wassermassen in die Tiefe stürzen.“ In ihrem Tagebuch notiert die 60-Jährige: „Mein Herz macht einen Sprung, mir treten Tränen in die Augen. Helmut hat Mühe, mich zu beruhigen.“
Ein wunderbares Erlebnis, zwei Wasserfälle aus verschiedenen Ländern auf einmal zu sehen, erinnert sich die Dorstenerin, in den noch immer frischen Erinnerungen schwelgend. Es sind riesige Wasserstrudel zu sehen, dazwischen das kleine Boot, die „Maid of the Mist“, eine Tour für Wagemutige, die Helmut Staude zum Abschluss ganz nah an die großen Strudel bringt. Bei der Tour „Behind the Falls“ kann man wirklich mit gestellten Regencapes hinter den Wasserfällen herlaufen. „Ich danke Gott, dass ich gesund bin und all diese Wunder mit Helmut erleben kann.“

