
Vest (eib). „Lesen bildet“. Mit dem alten Spruch kommt keine moderne Stadtbücherei mehr aus. Wer seine Bürger zwischen die Regale locken will, der muss schon ein ausgefeiltes Konzept haben. Wie Herten, das im diesjährigen bundesweiten Bibliotheken-Vergleich auf dem dritten Platz landete und damit die anderen Kreisstädte weit hinter sich lässt. Zum Beispiel Marl, das gar nicht erst antrat.
„Unvergleichbar“ seien die beiden Bibliotheken, betont die Stadt Marl, deshalb habe man gar nicht erst mitgemacht. In der Tat liegen Herten (64.000 Einwohner) und Marl (90.000 Einwohner) meilenweit auseinander, die Zahlen lassen gleichwohl wichtige Rückschlüsse zu (siehe Tabelle). So wird der Hertener Büchereibestand sechsmal „umgeschlagen“, der Marler nur dreimal. Die Gebühren in Herten decken annähernd die Kosten für neue Medien, in Marl sind das nicht einmal die Hälfte.
Die vielen Veranstaltungen und Kooperationen, der Förderverein, die ständigen Schulklassen und die hervorragende Lage sieht Herten als die entscheidenden Eckpunkte des Erfolges. Und will genau so (auch finanziell) weiter machen.
In Marl ist es ein ständiger Kampf gegen Sparbemühungen, der Bibliotheksleiter will in Herbst ein Konzept vorlegen, wie man einen Aufschwung schaffen kann. Dabei hat er ein Erfolgskonzept in unmittelbarer Nähe: Die Kinderbücherei „Türmchen“ ist genau so stark frequentiert wie die Erwachsenenbücherei. Aber sie läuft eigenständig, gepuscht von einem regen Freundeskreis.
Zurzeit arbeitet man an einer Kooperation mit Haltern und Recklinghausen. Die große Nachbarstadt rutschte im Bibliotheksvergleich vom 30. auf den 31. Platz ab. Die Halterner konnten sich von einem der letzten Plätze (41) auf Position 33 vorarbeiten. Das Städtedreieck hat bereits einen gemeinsamen Leseausweis, nun will man noch enger zusammen arbeiten.
Mit Dorsten (von Platz 30 auf Platz 29 aufgestiegen) haben Marl und Recklinghausen mal zusammen gearbeitet, als man noch einen gemeinsamen Bücherbus hatte. Doch das scheiterte an der Kostenverteilung. Oer-Erkenschwick hat nur einmal im vergangenen Jahr mitgemacht und landete auf Platz 42, Datteln und Waltrop traten gar nicht erst an.
Was macht eigentlich eine gute Bücherei aus? Ein aktuelles Angebot ist den Nutzern wichtig – deshalb will Herten ab August ein „virtuelles Angebot“ einführen, wonach die Bürger einen Teil der Bücher und aktuellen Zeitschriften zu Hause am Computer lesen können.
In Marl zieht man sich derweil auf die „Unvergleichbarkeit“ zurück: Kein Wunder, dass Herten so viel Geld für die Bücherei zur Verfügung stellt. Die Stadt hat ja auch kein so breites Kulturangebot wie Marl (zum Beispiel kein Theater), bei dem alle Sparten finanziell bedient werden müssen.
Die Bürger ziehen daraus ihre Konsequenzen und nutzen ihre Bücherei vergleichsweise wenig. Gehen sie dafür mehr ins Theater?

