FOTOS: Mengedoht
Marl. Fliegen kann sooo schön sein! Der Autor dieser Zeilen hat in der Ausübung seines Berufs fast alles mitgemacht: großes Verkehrsflugzeug, Hubschrauber, Segelflieger, Heißluftballon und Paraglider – nichts kommt mit dem Tragschrauber mit, auch Gyrokopter genannt. Dieses Fahr-oder besser Flugzeug sieht vielleicht nicht ganz so elegant aus wie manch andere, ermöglicht aber ein Fliegen, wie es keine der anderen Maschinen bietet: Ruhig, unmittelbar und sicher, ohne störende Kanzel und Glas um einen herum!
Ralf Sowinski bietet dieses Vergnügen seit kurzem in Marl-Loemühle mit einem Tragschrauber. „Vergessen Sie alles, was Sie bisher beim Ultraleicht-Fliegen erlebt haben, denn der Tragschrauber mit seiner sagenhafte Wendigkeit ist einzigartig in der Fliegerei“, meint er. Von dem erhebenden Erlebnis abgesehen ist der Gyrokopter auch besonders sicher: Der Motor dreht nur den Propeller – nicht den Rotor – und dient ausschließlich dem Vortrieb. Selbst bei einem Motorausfall schwebt der Tragschrauber sanft zu Boden.

Der Borkener mit Stützpunkten in Wesel, Stadtlohn und jetzt auch Marl ist sogar Fluglehrer. Für die Mischung aus Hubschrauber und Flächenflugzeug will er auch eine Flugschule aufbauen – „und Marl wäre ein geeigneter Standort“, sagt Sowinski. „Gut möglich, dass ich sie hier errichte, denn Marl hat eine Asphaltbahn und wäre von der Location her sehr gut.“
Der Pilot war der erste mit einem Tragschrauber auf Loemühle, als dort 2007 endlich Ultraleichtflieger zugelassen wurden. „Dadurch bin ich öfter hier und werde wohl einen Tragschrauber fest hier stationieren“, blickt der Borkener voraus. Ein weiterer Flieger ist auch geplant, wegen der Flugschule. Bis 3.000 Meter Höhe darf ein das 250 Kilogramm schwere Fluggerät mit bis zu 200 kg Zuladung fliegen und ist bis zu 160 km/h schnell.
In Deutschland sind Tragschrauber erst seit 2003 erlaubt – obwohl es sie eigentlich schon seit 1923 gibt! „Aber der Markt ist noch sehr überschaubar, bis vor ein paar Wochen gab es nur einen Hersteller, der die Fluggeräte für Deutschland produzieren durfte“, berichtet Sowinski. Fünf Stück pro Woche würden dort gebaut, „es läuft auf Hochtouren“. Jetzt wurden zwei neue Firmen zugelassen.
Sowinski begann 1990 mit dem Fliegen und probierte vieles aus: Drachen, Segel-und Ultraleichtflieger, Anfang 2007 dann probierte er einen Tragschrauber – „und ich war sofort infiziert“. Das Gerät bot einfach Möglichkeiten wie keine andere Flugmaschine: „Auch wenn die Strömung abreißt, stürzt man nicht ab“, erklärt Sowinski. Eine sehr kurze Lande-und Startbahn (unter 100 Meter) findet er ebenso faszinierend wie die Tatsache, dass „Gyrokopter unwahrscheinlich wendig sind, wie ein Hubschrauber“.
Der Tragschrauber lässt sich kaum von Turbulenzen aus der Ruhe bringen – das bringt im Zusammenhang mit der offenen Pilotenkanzel und der tollen freien Sicht das unvergleichlich ruhige Flugerlebnis –, weil die Blattspitzen des Rotors sich mit fast 700 km/h durch die Luft bewegen. „Dadurch bringt ihn eine Böe von 50 km/h nicht aus der Ruhe“, erläutert der Pilot. „Aus diesem Grund kann er auch bei schwierigen Wetterbedingungen sicher geflogen werden. Er benötigt praktisch keine Landestrecke und kann fast auf der Stelle schweben.“

Dabei kosten Tragschrauber nur rund ein Zehntel eines Hubschraubers, bei 50.000 Euro geht es los, so Sowinski. Richtig Hovern (im Stillstand fliegen) können die Gyrokopter allerdings nicht, und nicht rückwärts fliegen oder senkrecht starten – daher ist eine Bergung von Personen oder Lasten im Flug nicht möglich. Dafür kann der Tragschrauber selbst bei einem Totalausfall des Motors durch die sogenannte Autorotation des Rotors (siehe Kasten) sicher in einem Sinkflug zu Boden schweben.
Neben Flügen für Einzelpersonen ab 49 Euro sind die Tragschrauber auch besonders für Foto-und Überwachungsflüge, Firmen-Events, Veranstaltungen, Vermisstensuche oder Verlosungen geeignet, nicht zu vergessen als Gutschein zu Geburtstag, Hochzeit oder Jubiläum.
Einzig Rundflüge gibt es bei Ralf Sowinski nicht – „ich biete Erlebnisflüge“, behauptet der Pilot selbstsicher.
Infos: www.fliegmituns.de und Tel. (0176) 75003003.
Der Tragschrauber (Gyrokopter) besitzt oberhalb des Fahrwerks einen kardanisch aufgehängten Rotor. Der Rotor dreht sich um eine senkrecht stehende Achse (Hochachse). Durch eine auskuppelbare Wellenverbindung wird der Rotor auf die zum Start erforderliche Rotordrehzahl gebracht. Sobald die erforderliche Rotordrehzahl erreicht ist, wird diese Verbindung ausgekuppelt und die Motorleistung wirkt ausschließlich auf die rückwärtig platzierte Luftschraube mit waagerechter Drehachse gegeben.
Der Tragschrauber wird horizontal beschleunigt, ab diesem Zeitpunkt wird der Rotor nur vom anströmenden Fahrtwind in Umdrehung gehalten. Dieser Betriebszustand wird mit Autorotation bezeichnet. Der frei im Luftstrom umlaufende Rotor ersetzt einen festen Tragflügel, hat gegenüber diesem jedoch den Vorteil, dass er auch bei geringer Fluggeschwindigkeit infolge der Eigendrehung Auftrieb erzeugt.

