Gut Lachen hat man nur bei der Vestischen: Die hat eine Spritpreis-Absicherung für ein Jahr abgeschlossen – genau zum richtigen Zeitpunkt. FOTO: Mengedoht
Vest (om). „Existenzangst hat wohl zur Zeit jeder mit einem Fuhrpark“, fasst Taxiunternehmer Volker Bley aus Oer-Erkenschwick zusammen, was angesichts der dramatisch steigenden Benzinpreise viele umtreibt. Düstere Zukunftsaussichten kommen bei manchem auf. Trotz der Hiobsbotschaften landauf landab hat der Marler Reiseunternehmer Johannes-Gerd Overhoff jun. noch Hoffnung auf Besserung – und die Vestische kann sich freuen: Sie hat genau im richtigen Moment eine Spritpreis-Absicherung abgeschlossen.
Wegen der rasant gestiegenen Benzinpreise haben die Europäer im Mai acht Prozent weniger Neufahrzeuge gekauft, VW verzichtet auf den Bau eines neuen Kleinlasters (Pick-up), selbst US-Autokonzerne melden drastisch sinkende Verkaufszahlen – und in den USA erinnern sich immer mehr Bürger daran, dass es öffentliche Verkehrsmittel gibt. Ein Riese wie US-Einzelhändler Wal-Mart kauft wegen der gestiegenen Benzinpreise mehr Obst und Gemüse von Bauern aus dem Umland seiner Supermärkte.
Auch in ganz Europa wird mehr Rad und Bahn gefahren. Urlauber denken zweimal nach, ob sie sich die Fahrt noch leisten können, erklärte jüngst Christina Olboeter-Zorn, Präsidentin des Ferienhausverbands VDFA. Laut einer Umfrage der Bild-Zeitung unter Branchenverbänden in der deutschen Wirtschaft bedrohen die hohen Spritpreise bis zu 140.000 Arbeitsplätze. Dem Deutschen Taxi-und Mietwagenverband (BZP) nach sind im Taxigewerbe bis zu 50.000 der rund 200.000 Arbeitsplätze bedroht.
In der Transportbranche könnten laut Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik (BGL) bereits nach der Sommerpause rund 30.000 der knapp 600.000 Arbeitsplätze wegfallen. „Viele kleine und mittelständische Transportlogistikunternehmen stehen aufgrund drastisch steigender Energiekosten mit dem Rücken zur Wand“, berichtet der Verband Verkehrswirtschaft und Logistik NRW in Münster. VVWL-Vorsitzender Hermann Grewer: „Transportunternehmen, denen es nicht gelingt, die exorbitanten Kostensteigerungen weiterzugeben, werden aufgrund von Liquiditätsschwierigkeiten kurzfristig aus dem Markt ausscheiden.“ Und an der Nordsee überlegen die ersten Fischer bereits, ihren Beruf an den Nagel zu hängen und den Kutter zu verkaufen.
12.250 Euro mehr pro Bus und Jahr
„Es glauben nicht nur ganze Branchen, kurz vor dem Ruin zu stehen, es ist wirklich eine verdammt angespannte Lage“, gibt Johannes-Gerd Overhoff jun. zu, Geschäftsführer von Rosi-Reisen in Marl mit 60 eigenen Fahrzeugen. 32 bis 35 Liter verbrauche ein normaler Reisebus, das seien bei rund 100.000 km Fahrleistung im Jahr Mehrkosten von 12.250 Euro im Vergleich zu letztem Jahr, als der Diesel noch 1,20 Euro kostete.
Mittlerweile, so Overhoff, mache der Kraftstoff nicht mehr 20 Prozent vom Umsatz aus, sondern 40 bis 50 Prozent. Diese Steigerungen „können wir nicht einfach an die Kunden weitergeben“. Der Bund deutscher Omnibusunternehmer sehe die Hälfte seiner 5.500 Firmen mit insgesamt 100.000 Arbeitsplätze als stark gefährdet.
Gleichwohl will Overhoff nicht aufgeben: „Die Regierung tut viel zu wenig. Die soll gar nicht an den Preisen eingreifen, aber bei der Brennstoffzelle oder erneuerbaren Energien hätte man viel mehr tun können“, wettert der Marler. Außerdem plädiert er dafür, dass etwas gegen die Spekulationen mit Öl, Kohle, Gas und Stahl unternommen wird, welche erst die Preise in die Höhe treiben – „über 100 Dollar für das Barrel sind nicht gerechtfertigt – das ist eine Gefahr für die Wirtschaft.“ Er wäre für eine kurzfristige Mineralölsteuer-Rückerstattung, um den Unternehmen zu helfen.
Fahrzeug fährt ja nicht mit Wasser
„Wie soll ich mit den steigenden Preisen schon umgehen“, lacht hingegen Taxiunternehmerin Elke Helbing aus Recklinghausen etwas gequält. „Zahlen muss ich, das Fahrzeug nimmt ja kein Wasser.“ Natürlich versuche sie stärker als früher, unnötige und Leerfahrten zu vermeiden und nur die nötigsten Kilometer zurückzulegen. Wieviel Verlust sie durch die extrem hohen Spritkosten hat, hat sie noch gar nicht errechnet. „Da erschrecke ich mich wahrscheinlich noch mehr.“
Dass der Kreis bei den Fahrtkosten eingreift, glaubt die erfahrene Fahrerin nicht. „Natürlich wird das Thema, wenn das so weiter geht, auf den Tisch kommen, aber wir hatten ja gerade im April eine leichte Erhöhung.“ So kostet die Anfahrt seit April 2,50 tagsüber und 2,60 Euro nachts. Für den gefahrenen Kilometer muss 1,50 tagsüber und 1,60 nachts bezahlt werden. „Drauf zahlt noch keiner, aber es bleibt kaum noch etwas übrig“, weiß auch eine Funkerin der Taxenvereinigung RE mit ihren fünf Unternehmern.
Sparen, wo man kann
„Man muss gucken, dass man am Leben bleibt“, ist auch Volker Bley, Taxiunternehmer aus Oer-Erkenschwick mit sechs Fahrzeugen, fünf Angestellten und mehreren Aushilfen nicht begeistert. „Man muss sparen, wo man kann, Räumlichkeiten verkleinern, günstigere Angebote für Telefon und Versicherung suchen und anders besetzen.“ So bleibe in den Ferien auch öfter mal einer seiner Wagen auf dem Hof stehen, um Lohn zu sparen.
Eine Umrüstung auf Auto-oder Erdgas hat der Stimbergstädter schon überlegt – „da gibt es aber noch zuwenig Langzeiterfahrungen“ – und im letzten Jahr erstmals gebrauchte Autos erworben. Mittlerweile würden die Kunden ihn fragen, ob er „nicht mal eben ranfahren und tanken will“, wenn sie einen günstigen Preis sähen.
7 Millionen Liter Diesel im Jahr
Fein raus ist die Vestische Straßenbahnen AG in Herten: „Aktuell betreffen uns die hohen Preise noch nicht, weil wir letztes Jahr eine Versicherung abgeschlossen haben, um uns gegen steigende Treibstoffpreise abzusichern“, berichtet Pressesprecher Norbert Konegen. Das war das erste Mal, dass die Vestische einen solchen Vertrag eingegangen ist, in weiser Voraussicht. Immerhin verbraucht die Flotte von 230 Bussen – hinzu kommen 100 Fahrzeuge von Privatunternehmern, die im Auftrag fahren – im Jahr 7 Millionen Liter Diesel, da würden Erhöhungen wie derzeit „schnell in den siebenstelligen Bereich gehen“.
Aber auch die Vestische werde sich der allgemeinen Entwicklung nicht entziehen können. „Einen Vertrag zu den jetzigen Konditionen bekommen wir sicher nicht nochmal.“ Dann müsse innerbetrieblich noch weiter rationalisiert werden – „wobei der personelle Rahmen begrenzt ist“ – oder es gebe ein höheres Defizit, was dann die Kommunen ausgleichen müssten.
Ein Drittel vom Umsatz für Sprit
„Ich habe nicht soviel Autos, aber es ist ein ganz schöner Batzen“, weiß auch Edelgard Weckermann, Geschäftsführerin der gleichnamigen Transportfirma aus Datteln. Die Mehrkosten für ihre drei Lastwagen hat sie „noch nicht genau ausgerechnet, aber ein Drittel vom Umsatz geht für den Sprit drauf.“
„Man verdient eigentlich nichts mehr“, erklärt die Geschäftsführerin von Weckermann Transporte. Wie es weitergeht? „Die Regierung wird die Steuern wohl nicht senken und die Ölmultis verdienen Milliarden, dazu zieht auch die Maut mit 40 bis 70 Prozent ganz schön an“, stöhnt Weckermann.
Ein Auftraggeber habe signalisiert, einen Teil der Mauterhöhung mitzutragen, aber das ist eine Ausnahme und von den Spritpreisen will auch der nichts wissen. Und es seien ja nicht nur die Benzinpreise, auch die Werkstätten würden ja ihre gestiegenen Energiepreise weitergeben. „Im Moment habe ich noch keine Entlassungen geplant“, versichert die Dattelner Unternehmerin, „aber in letzter Konsequenz kann man vielleicht irgendwann nur noch aufgeben.“
Weniger betroffen ist auch der Chemiepark Marl. „Wir haben ja zum Glück unser eigenes Kraftwerk“, erläutert Volker Hilbt, Sprecher der infracor. „Bei einigen energieintensiveren Unternehmen wie Vestolit werden aber sicher die Margen geringer“, mutmaßt er.

