
Herten (sl). 2003 hat die Abfallgesellschaft Ruhr ihre Müllverbrennungsanlage RZR an einen amreikanischen Investor verkauft und zurückgeleast. Vier Millionen Euro verdiente die AGR damals an diesem Cross-Border-Leasing genannten Geschäft. Doch durch die Finanzkrise drohen der AGR nun Kosten: Einer der AGR-Vertragspartner hat an finanzieller Kraft verloren – das alte Finanzierungsmodell ist in Gefahr. Der Bottroper Journalist David Schraven hat sich seit Jahren mit der Situation der AGR auseinandergesetzt und gilt als einer der intimsten Kenner der AGR-Probleme. Wir haben ihn nach den Konsequenzen der neuen Belastungen gefragt.
Frage: Herr Schraven, die AGR hat Probleme mit dem Cross-Border-Geschäft aus dem Jahr 2003. Sind sie überrascht?
Die Probleme waren intern seit spätestens Anfang Oktober bekannt. Zumal die Hintergründe der Schwierigkeiten aus dem Cross-Border-Leasing jedem bekannt sein dürften. Ich bin überrascht, dass die AGR und der Regionalverband Ruhr versucht haben, die Probleme solange zu vertuschen. Es musste rauskommen. Warum dann nicht gleich die Wahrheit sagen?
Frage: AGR-Chef Dietrich Freudenberger hält die Belastungen für erräglich. Glauben sie ihm?
Nein. Er hat bei vielen Gelegenheiten die wirtschaftliche Lage der AGR solange beschönigt, bis es nicht mehr ging. Die AGR entnimmt seit geraumer Zeit Geld aus den Deponie-Rückstellungen. Etwa um den Bau des zweiten Hertener Müllofens zu bezahlen.
Das wird dann abgezinstes Kapital investiert wie es heißt. Im Klartext ist das Geld erstmal futsch und muss neu verdient werden. Für Freudenberger ist das erträglich, weil er den Schaden nicht selbst zahlen muss, sondern die Allgemeinheit. Entweder über höhere Müllgebühren, oder über fehlende Gewinnausschüttungen an den Regionalverband Ruhr.
Frage: Sie haben sich intensiv mit der finanziellen Lage der AGR beschäftigt. Gefährden Ihrer Ansicht nach die neuen Belastungen der AGR die Existenz des Unternehmens?
Das ist schwer zu sagen. Ich denke nicht direkt. Die AGR hat immer noch sehr hohe Barmittel – die meist als Deponierückstellungen eigentlich zweckgebunden und mündesicher angelegt werden müssen. Aber man kann mit den 100 Millionen Euro ein ganz schön langes Lagerfeuer heizen, etwa indem man eine neue Müllverbrennungsanlage baut. Die neuen Probleme verschärfen nur die bereits existierenden Probleme. Nur zum Verständnis: Die AGR musste in der letzten öffentlich zugänglichen Bilanz über den gesamten Konzern gesehen eine bilanzielle Überschuldung von 67 Millionen Euro ausweisen – obwohl sie Bargeld hatte. Ein normales Unternehmen wäre damit tot. Die AGR lebt nur noch dank öffentlicher Garantien und Bürgschaften.
Frage: Was bedeuten die neuen Belastungen für die Städte und die Gebührenzahler im Ruhrgebiet?
Erstmal bedeuten die neuen Belastungen nichts. Mittelfristig aber kann es passieren, dass alle Bürger im Ruhrgebiet die Sanierung der Deponien der AGR noch einmal bezahlen müssen, obwohl sie die Sanierung über ihre alten Müllgebühren schon lange bezahlt haben. Dann nämlich, wenn die Deponierückstellungen der AGR verbrannt sind.
Frage: Unabhängig von diesen neuen Belastungen: Wie schätzen sie die wirtschaftliche Lage der AGR ein?
Schlecht. Die Fachleute von PricewaterhouseCoopers warnen bereits davor, dass es für die AGR schwierig sei, Geld von Banken zu bekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die noch von irgendwem was bekommen. Wenn man die Firma abstoßen könnte, würde ich sagen, verkaufen und raus.

