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Im Wartezimmer tobt der Stress

Vest (eib). Günter Kluge hatte ein Problem: Auto konnte er plötzlich nicht mehr fahren, die Buchstaben in der Zeitung waren kaum noch auseinander zu halten, alles war verschwommen. Günter Kluge ist 71 und er hat ein ganz großes Problem: Er hat nur ein Auge. Aber er hat ja eine Augenärztin. Und mit der hat er nun auch ein Problem.

Was sich zunächst wie eine Routine-Aufgabe anhört, hat sich zu einer Meinungsverschiedenheit entwickelt, bei der auf beiden Seiten deftige Worte fallen. Der Patient fühlt sich von seiner Ärztin verschoben, die Ärztin fühlt sich völlig ungerechtfertigt angegriffen.

Und das kam so, berichtet Günter Kluge: Er habe in der Praxis angerufen, um einen Termin auszumachen. Der sollte in vier Wochen sein. Er habe auf seine besondere Lage aufmerksam gemacht, darauf, dass er seit sechs Jahren hier Patient sei, dass er mit seinem Problem nicht noch weitere vier Wochen warten könne. Aber ein Vorverlegen sei nicht möglich gewesen.

Oder war es anders? Der Ehemann der Augenärztin rekonstruierte: Der Mann sei ohne Termin in die Praxis gekommen, habe diskutiert und sich geweigert, sein Problem darzustellen, er habe mit Konsequenzen gedroht und die Praxis schimpfend und empört wieder verlassen.

Im Ärztehaus in Recklinghausen beruhigte sich Günter Kluge wieder. Nur eine kurze Wartezeit habe es gegeben. Offensichtlich gab es ein Problem mit seinem Tränenkanal. Augentropfen haben geholfen. Einmal im Jahr muss er nun zur Untersuchung. Er ist zufrieden mit seiner Spontanentscheidung, in die Nachbarstadt zu fahren.

Jerzy Henschel ist auch zufrieden mit der Entscheidung, sagt er. Seine Verbitterung ist nicht zu überhören. Seine Frau, die Augenärztin Dr. Ilwa Henschel, arbeite bis an ihre Belastungsgrenze. Man müsse zwischen unverzüglichen Behandlungen und den verschiebbaren unterscheiden. Aber es gebe schon mal Patienten, die egoistisch nur sich selbst sehen.

Marl ist in Sachen Augenärzte ohnehin ein besonders Pflaster: Drei für eine 90.000-Einwohner-Stadt, Recklinghausen hat ein Vielfaches zu bieten, ja sogar ein eigenes Zentrum. Im Herbst dieses Jahres kumulierten die Probleme in Marl: Der eine Marler Augenarzt hatte seinen Urlaub – deshalb verteilten sich die Patienten auf die beiden anwesenden Mediziner. Doch dann wurde einer krank, erklärte Jerzy Henschel die Situation – und da stand für die ganze Stadt nur noch seine Frau zur Verfügung. Verschiebungen waren unumgänglich. Günter Kluge sei mit den vier Wochen sogar noch gut dran gewesen, andere bekamen Termine erst in sechs Wochen. In der Regel hätten die Patienten Verständnis gezeigt.

Der Marler Patient sieht das anders, spricht von der Arroganz der Ärzte, von denen der Patient abhängig sei. „Aber das können die sich knicken, so geht das nicht.“ Der Umgang mit Patienten erfordere Fingerspitzengefühl.

Dasselbe fordert Jerzy Henschel auch von den Patienten: „Ich lasse nicht zu, dass solche Menschen meine Frau kaputt machen.“

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