
Dorsten. Trotz des nun erfolgten Abrisses des Jugendprojektes Bahnwaggon an der Wienbecke 61 blicken die „Macher“ von damals positiv in die Zukunft. Begonnen hatte alles vor mehr als 16 Jahren. Schon bei seinem Amtsantritt als Jugendreferent hatte Thomas Paluszek das in Zeiten knapper Kassen ehrgeizige Ziel, die Jugendarbeit im Stadtteil Hervest von ihrem „Kellerkinder-Image“ zu befreien. Auch Gudrun Schmidt-Gahlen hatte schon lange den Traum, gemeinsam mit Jugendlichen eine Jugendeinrichtung der besonderen Art aufzubauen. Als sich ihre Wege kreuzten, entstand unter den Dächern des Verbandes Evangelischer Kirchengemeinden an der Glück-Auf-Straße 8 eine Keimzelle ungeahnter Möglichkeiten.
Erinnert sei hier etwa an 13 ausverkaufte Aufführungen des Musicals „Starlight Express“. Schnell folgte mit „Cats“ ein zweites Musical, das ähnlich erfolgreich aufgeführt wurde. Auf ihrem gemeinsamen Weg sammelten sich um Paluszek, Schmidt-Gahlen und ihre Jugendlichen immer mehr ehrenamtliche Helfer und Sponsoren. Paluszeks Ziele und Schmidt-Gahlens Träume entwickelten sich nun nahezu zu einem Virus, der zunehmend ihr gesamtes Team infizierte.
Schnell stand fest: „Wir bauen eine Jugendeinrichtung!“ Viele außergewöhnliche Ideen entstanden, an Bahnwaggons dachte zunächst aber niemand. Hier half der Zufall, an den Schmidt-Gahlen ausdrücklich nicht glaubt. Auf dem Kirchentag in Hamburg 1995 hatte man sich zum Besuch des Musicals „Linie 1“ verabredet. Ein Teil der Gruppe stieg auf dem Weg dorthin in einen falschen Zug. Dieser endete in einem Außenbezirk von Hamburg. In dem dortigen Bahnhof standen zwei restaurierte Bahnwaggons, in denen ein Förderverein ein Telefonmuseum betrieb.
Nun brach der Virus aus. Zwei Bahnwaggons waren schnell gefunden. Es entstand ein sicher außergewöhnliches Netzwerk von Jugendlichen, ehrenamtlichen Helfern, Sponsoren, Freunden und Gönnern, die gemeinsam mit dem Verband Evangelischer Kirchengemeinden und der Stadt Dorsten Signale setzten.
„Dass der Standort an der Wienbecke nicht für die Ewigkeit ist, wussten alle Beteiligten von Beginn an“, ruft Lars Hartmann ins Gedächtnis, der 2003 und »04 das Jugendprojekt Bahnwaggon als hauptamtlicher angestellter der Kirche leitete. „Das Jugendprojekt Bahnwaggon war und ist ein Prozess. Der nun erfolgte Abriss ist hierbei ein genauso wichtiger Meilenstein, wie die Eröffnung am 12. September 1998“, betont Hartmann.
Anders als heute meist dargestellt, gehe die Reise hier nicht zu Ende. Am Standort Glück-Auf-Straße 8 entsteht eine neue Anlaufstelle für Jugendliche. Und auch Gudrun Schmidt-Gahlen und Thomas Paluszek sind weiter aktiv.
Der aus dem Projekt hervorgegangene Verein „Lust auf Leben“ bietet heute etwa 450Mitgliedern ein breites Spektrum an Aktivitäten, in denen Mensch und Familie im Mittelpunkt stehen. Kanu-, Erlebnis-und Abenteuersport sind hierbei weiterhin zentrale Inhalte, neben Eltern-Kind-Sportgruppen, sowie den Sportgruppen zur Krebsnachsorge. In Kooperation mit dem Jugendhaus Altstadt entstand zudem ein Hochseilgarten.
Kooperation ist in diesem Zusammenhang ein gutes Stichwort. „Aus ehrenamtlichen Helfern und Sponsoren der Anfangstage sind heute langjährige Freunde geworden“, so Hartmann. „Alte Netzwerke bestehen noch immer und wachsen in zum Teil ungeahnte Richtungen weiter.“ Lebenswege vieler Jugendlicher, ehemaliger Helfer und Mitarbeiter seien geprägt durch das Jugendprojekt Bahnwaggon. Dies bestätigen Kontakte, die mittlerweile über das gesamte Bundesgebiet bestehen.
Für den bisherigen erfolgreichen Weg gilt der Dank allen, die sich in diese starke Gemeinschaft eingebracht haben. Mit dem Abriss der Waggons an der Wienbecke „ende“ allenfalls die Hülle des Projektes. „Die Früchte der Arbeit tragen weiter und weiter. Die Signale stehen deutlich in Richtung Zukunft.“

