
Recklinghausen. Frank Czerny wird im kommenden Jahr gegen Bürgermeister Wolfgang Pantförder antreten. Wir sprachen mit ihm über seine Ziele und mögliche Partner.
Sonntagsblatt: Herr Cerny, sie sind Fraktionsvorsitzender der SPD im Rat. Warum wollen sie Bürgermeister werden?
Frank Cerny: Weil Recklinghausen einen Politikwechsel braucht. Wir müssen weg vom Prinzip des Zufalls hin zu einer Politik der klaren Konzepte. Das gilt vor allem für den Bereich Wirtschaft. Es fehlt an einer klaren Ausrichtung der Stadt sowohl im Kreis als auch in der Region.
Andere Städte wie Herten und Marl sind da weiter. Sie haben sich klar positioniert. Herten in der Wasserstoffwirtschaft, Marl als Chemiestandort. Recklinghausen sollte mal die Stadt der Gesundheistwirtschaft werden. Passiert ist nichts. Castrop-Rauxel dagegen hat es geschafft, konnte Unternehmen wie die Ayurveda-Klinik ansiedeln und bewirbt sich nun als Standort für den Gesundheitscampus.
Auf dem Gewerbepark Blumenthal sollten 5.000 neue Jobs entstehen. Heute wachsen dort die Brennesseln. Wir können uns nicht nur als Einkaufs-und Dienstleistungszentrum im nördlichen Ruhrgebiet verstehen. Wir müssen Jobs schaffen und damit auch mit unseren Nachbarn enger zusammenarbeiten? Warum beteiligen wir uns nicht an der gemeinsamen Gewerbeflächenvermarktung, mit der jetzt Gladbeck, Bochum, Dortmund, Essen und viele andere begonnen haben?
Sonntagsblatt: Ein Problem von Recklinghausen ist die Finanzsituation. Geld können Sie auch nicht drucken.
Cerny: Natürlich nicht, aber wir können für eine solide Finanzpolitik sorgen. Ich war dagegen, dass die Stadt so hohe Risiken wie beim Cross-Border-Leasing eingeht. Wir sollten schauen, dass wir da raus kommen.
Sonntagsblatt: Auf einer Parteiversammlung der SPD haben Experten diesen Weg als nicht lohnend beschrieben.
Cerny: Aber nur wenn man kurzfristig denkt. Keiner kennt die Risiken der Zukunft. Wenn wir aus der jetzigen Krise mit einem blauen Auge davon kommen, wissen wir bei Verträgen, die noch 25 Jahre dauern, nicht, wie es bei der nächsten Krise ist. Ich will, dass alle Infos auf den Tisch kommen und wir dann entscheiden können. Das Cross-Border-Leasing war ein Fehler und im Zweifelsfall gilt: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Wir müssen aufpassen, dass wir im Bereich Stadtplanung nicht ähnliche Feher machen.
Sonntagsblatt: Sie meinen die Diskussion um die Arcaden und das Quartier am Markt.
Cerny: Ja, wir brauchen dringend eine vorausschauende Städtebaupolitik. Wir haben da zwei Investoren, die sich in Recklinghausen engagieren wollen und ich vermisse bei Pantförder, dass er nicht moderiert und versucht, das Beste für die Stadt herauszuholen. Stattdessen hat er sich frühzeitig festgelegt und unterstützt nur die Arcaden, die mit einer Fläche von über 30.000 Quadratmetern viel zu groß für Recklinghausen sind und den Einzelhandel in unserer Stadt gefährden. Jetzt wo klar ist, dass auch das Quartier am Markt umgesetzt werden kann, muss die Lage der Innenstadt neu diskutiert werden.
Sonntagsblatt: Die SPD hat auch immer die Beschäftigungspolitik der Stadt kritisiert.
Cerny: Wir wollen, dass es künftig weniger 1-Euro-Jobs bei der Stadt und den städtischen Töchtern gibt. Wir wollen 1-Euro-Jobs auf drei Monate begrenzen und dann schauen, ob die Leute die Qualifikationen haben, die wir brauchen und wenn das so ist, sie einen befristeteten, sozialversicherungspflichtigen Job bekommen. Um langfristig die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, brauchen wir aber auch Investitionen in den Bildungsbereich: Wir wollen die Gemeinschaftsschule und dass das dritte Kindergartenjahr in Recklinghausen kostenlos ist.
Sonntagsblatt: Mit wem wollen sie ihre Politik umsetzen?
Cerny: Wir werden mit jeder vom Bürger in den Rat gewählten Partei reden und streben natürlich an, größte Fraktion zu werden.
Sonntagsblatt: Auch mit der Linken?
Cerny: Auch mit der Linken. Im Osten kooperiert die Union mit der Linkspartei und da ist sie voll mit alten Stasi-Kadern. Die Linkspartei im Westen besteht vielfach aus ehemaligen Sozialdemokraten. Diese Leute müssen sich für ihre politische Biographie nicht schämen und sind natürlich auch Gesprächspartner von uns.
Mit Frank Cerny sprach Stefan Laurin

