
Von Oliver Mengedoht
Marl. „Als der Anruf mit der Diagnose querschnittsgelähmt kam, dachte ich die Welt geht unter!“ Albert Werner und seine Frau Christina Albrecht-Werner, beide 43, erinnern sich mit Schrecken an den 12. April: Da verunglückte ihr Sohn Marc in den Niederlanden schwer, brach sich bei einem Sportunfall drei Halswirbel und beide Arme, erlitt eine Lungenquetschung und wurde zunächst einmal 14 Tage in künstliches Koma versetzt. „Ich war als Polizist im Kosovo und Bosnien, habe für das Kriegsverbrechertribunal auch Massengräber gesehen, aber wenn einen selber so etwas trifft, ist das alles nichts dagegen“, gibt der Familienvater zu.
Jetzt sucht die Familie Werner mit Nachbarn und Freunden nach Hilfe, um den gelähmten Sohn überhaupt zuhause pflegen zu können. Der 16-Jährige kann derzeit nur Kopf und Schultern bewegen, selbst beim Atmen muss er von einer Maschine unterstützt werden. Wegen der eingeschränkten Atmung musste er auch neu sprechen lernen, berichten Werners.
Täglich sind sie in Bochum bei ihrem Sohn im Bergmannsheil, auch Bruder Andre (16) und Schwester Christina (8) sowie Freundin Anika kommen mit, so oft es geht. „Die Brüder lieben sich abgöttisch“, weiß die Mutter. „Sobald Andre bei Marc ist, bringt er ihn zum Lachen, sie spielen sich gegenseitig die Bälle zu.“ Freundin Anika war schon mit in Rotterdam, sie hat noch große Hoffnung, dass Marcs Zustand sich bessert, auch wenn das unwahrscheinlich ist. „Es ist bei beiden die erste große Liebe“, sagt Christina Albrecht-Werner.
Anfangs mussten Werners sogar um das Überleben ihres Sohns fürchten. Beim „Kiten“ – dabei lässt man sich mit einem Lenkdrachen über den Strand oder das Wasser ziehen – war er von starken Böen erfasst und über 100 Meter weiter gegen ein Strandhäuschen geschleudert worden. „Jetzt geht es darum, dass er wenigstens einige Stunden in seinem Spezialrollstuhl sitzen kann, damit er etwas machen kann“, erklärt Vater Albert. „Es ist grausig, aber wir müssen das beste draus machen.“
Aber Marc wolle unbedingt wieder zur Schule, und später studieren. Immerhin: Der Oberarzt auf Marcs Station sitzt selber im Rollstuhl, eine gute Motivationshilfe. „Er soll nach Hause, er will nach Hause und wir schaffen das auch“, ist er überzeugt. „Marc muss nicht nur in der Ecke hocken, mit Internet und Sprachsteuerung ist heute vieles möglich.“
In der Schule bekäme Marc einen Zivildienstleistenden oder einen Jugendlichen, der ein Freiwilliges Soziales Jahr ableistet, zuhause würde er von Pflegepersonal rund um die Uhr betreut, weil das lebensnotwendig ist. Darum muss hier aber auch alles umgebaut werden. In dem schmalen Häuschen in Marl muss im Wohnzimmer ein 1,4 mal 1,6 Meter großer Durchbruch in die erste Etage geschaffen werden, neue Balken müssen das statisch absichern. Statt der Couchgarnitur wird dort dann der Aufzug für Marc und seinen Rollstuhl stehen – 24.000 Euro kostet der Fahrstuhl allein, 40.000 der Umbau gesamt – die Krankenkasse zahlt nur einen einmaligen Zuschuss von 2.500 Euro! „Allein kann man diese Summen nicht bewältigen“, wissen Werners.
Auch das komplette Badezimmer muss umgebaut werden, eins der Kinder sein Zimmer aufgeben und in ein anders umziehen, damit Marc im ersten Stock Platz hat. Mitte Oktober soll Marc endlich nach Hause kommen, bis dahin muss alles fertig sein. Danach muss eine andere Terassentür her, durch die jetzige kommt er mit dem 180 Kilo schweren, breiten Rollstuhl samt Beatmungsmaschine und Sprachsteuerung nicht durch.
Darum sind sie so dankbar für die Hilfe, die sie schon bekommen. Die Schule zieht mit – sowohl Direktor und Lehrer als auch Mitschüler, Marcs Freunde vom Handball helfen, die Kollegen von der Polizei und die Nachbarn. „Fast jede Woche läuft jetzt eine Benefizaktion“, ist Albert Werner begeistert.
Seit dieser Woche geht er wieder arbeiten, vorher war er – wie die ganze Familie – in psychologischer Betreuung. Die nötige Kraft findet er „durch die Familie, wir stärken uns alle gegenseitig.“
Einige der Nachbarn um Ruthild Kilian haben den Verein „Lebenshilfe für Kinder und Jugendliche mit traumatischen Rückenmarksverletzungen“ gegründet, in erster Linie für Marc, später auch für andere Betroffene. Infos gibt es unter lebenshilfe@versanet.de und Tel. (0151) 20066694. Wer unter Angabe seiner Adresse spendet (Konto 150150100, BLZ: 42661008, Volksbank Marl-Recklinghausen), bekommt auch eine Spendenquittung des mildtätigen Vereins. Auch für Marc selber wurde bei der Volksbank ein Spendenkonto eingerichtet mit der Nummer 199222400, um die hohen Kosten aufzufangen, welche die Behandlung und Betreuung von Marc in den nächsten Monaten und Jahren verursachen werden.
„Marc hat alles geliebt, jeden Sport“, erinnert sich die Mutter an früher. „Modellflugzeuge hat er gebaut, gekocht, sich um sein Mofa gekümmert und Handball im VfL Hüls gespielt.“ Das geht jetzt alles nicht mehr. Trotzdem ist die gesamte Familie erstaunlich positiv eingestimmt, will optimistisch alles nötige anpacken. „Wir lassen Marc auf keinen Fall fallen“, bekräftigen sie ganz selbstverständlich. Oder wie Vater Albert Werner sagt: „Man muss damit leben – und das Beste draus machen!“
Weitere Infos auch zu kommenden Benefizveranstaltungen für Marc Werner unter helft-marc.de.

