Eine Branche im Umbruch. Viele Wirte mussten aufgeben
Die alte Traditionskneipe hat heute (fast) ausgedient. Cafes und Erlebnisgastronomie sind angesagt.
Vest. Zu Hause kuscheln und dazu Bier aus der Dose trinken. Wenn die Statistik stimmt, ist das Ende der Kneipe in Sicht, weil die Menschen lieber zu Hause bleiben. In den letzten zehn Jahren hat jedes vierte Wirtshaus in Deutschland dicht gemacht, in NRW sogar jedes dritte. Doch ein Blick ins Vest zeigt: Stellenweise bleibt keine einzige Kneipe übrig, dafür boomt die Cafe-Szene. Uwe Suberg, Chef der Recklinghäuser Wirtevereinigung: „Ich sehe immer noch einen aufsteigenden Ast.“
Kommt drauf an. Dorsten hatte mal mehr als ein Dutzend Kneipen in der Altstadt, eine der letzten schließt noch in diesem Jahr. Stattdessen boomt die Cafe-Szene und hat sich im Sommer den gesamten Marktplatz erobert.
Recklinghausen hatte in den 80er Jahren die berühmte Löhrgasse und jede Nacht Spektakel in allen möglichen Kneipen – nichts ist davon übrig geblieben.
Wie sich das zahlenmäßig entwickelt hat, darüber führen die Städte keine Statistik. Rückschlüsse können nur aus der Umsatzsteuer-Erhebung des statistischen Bundesamtes gezogen werden. Nach oben ging es nur in Baden-Württemberg (+15 Prozent) und in Berlin (+96 Prozent).
„In ländlichen Bereichen lässt sich mehr schlecht als recht überleben“, bestätigt Uwe Suberg. Einen auffälligen Rückgang in Recklinghausen sieht er nicht. Natürlich ist es auffallend, wenn in Marl-Polsum von ehemals zwölf Kneipen nur noch eine übrig bleibt.
Aber Marl ist auch ein Beweis, dass Kneipe nicht gleich Gastronomie ist. Manche verräucherte Bier-Zapfstelle hat geschlossen. Aber neue Ideen wie Cafe del Sol (Herzlia Allee) erleben einen anhaltenden Boom. Rund 120 Gaststätten schätzt Heinz Peter Mühlenberg vom Marler Ordnungsamt, gibt es in der Stadt. Aber keine dramatischen Rückgänge.

Latte macchiato in modernen Cafes anstatt das Blonde in der Stammkneipe
Wer jetzt noch am Markt ist, der hat seine Nische gefunden und die Probleme der letzten Jahrzehnte durchgestanden. In den 70er Jahren war es der Diskotheken-Boom, der Gäste abzog. Dann wanderten sie von Neueröffnung zu Neueröffnung. Die Aufhebung der Sperrstunde (1 Uhr) brachte nur kurz Erleichterung (2001). Derzeit sorge das Rauchverbot für einen Gästeschwund, erklärt Thomas Hellwig, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) NRW. Aber: „Der Cafe-Bereich boomt. Sandwiches und Kuchen sind gefragt.“ Uwe Suberg bestätigt: „Früher haben die Menschen auf den Preis geschaut, heute verlangen sie Qualität.“
Und sie wollen das Besondere, die „fantastische asiatische Küche“ zum Beispiel. Oder mediterranes Flair, wie es in Kürze das bisherige „Marktcafe“ anbieten wird.
„Wer nichts wird, wird Wirt“, dieser Spruch klappe heute nicht mehr, meint Hellwig. Die Kneipe brauche den Wirt, die Persönlichkeit. Aber in der Gastronomie tummelten sich viele, „die keinen ausreichenden Business-Plan haben“. Ganz so mag das Uwe Suberg nicht hinnehmen: Es gebe hervorragende Quereinsteiger. Aber auch manche, die nur wissen, wie man Bier zapft.
Suberg blickt zuversichtlich in die Recklinghäuser Zukunft, egal wie sich das Freizeitverhalten der Menschen entwickelt.

