
Vest. Bald ist es wieder soweit und das närrische Treiben findet seinen Höhepunkt im Straßenkarneval am Rosenmontag. Doch wo hat der Karneval seine Wurzeln? Diese Frage trieb das Sonntagsblatt in die Tiefen des Stadtarchivs Recklinghausen. Bevor auf den Karneval eingegangen werden kann, muss zunächst auf die Fastnacht zurückgeblickt werden. Dieser Begriff setzt sich zusammen aus „Faste“ und „Nacht“ und bedeutet „Der Abend vor der Fastenzeit“. Zwar weisen Quellen darauf hin, dass in Westfalen fastnachtliche Bräuche bereits im 13. Jahrhundert in Kalenderangaben auftauchen. Häufig handelt es sich um Zins- oder Abgabetermine. Es wurden Fastnachtshühner als Zinsobjekt gehandelt. Für Recklinghausen fehlt eine solche Hühnerabgabe, im Jahr 1402 wird sie jedoch in Dorsten belegt. Der mittelalterliche Mensch hatte während der Fastenzeit starke Einschränkungen hinzunehmen. Verboten waren Fleisch, Eier, Milchprodukte aller Art und Alkohol. Auch die Menge der Speisen war vorgeschrieben. Bei Baden, Tanzen und Schauspiele waren reglementiert und Ehepaaren Enthaltsamkeit geboten. Da kann es niemanden wundern, das die Menschen vor dieser entbehrungsreichen Zeit sich die Genüsse erlaubten, die dann verboten waren. Da Ostern wohl einen sehr hohen Stellenwert einnahm, erlaubte man sich diese Genüsse im Vorgriff. Auch Klöster und die Armen profitierten von diesem Brauchtum. Im 15. bis zum 17. Jahrhundert gab es zudem Fastnachtsspiele. Im Spätmittelalter beteiligte sich die Bevölkerung am Fastnachtstreiben auf der Straße. Es wurden „Heischegänge“ abgehalten, auf denen Lebensmittel gesammelt und anschließend gemeinsam verzehrt wurden. Das 19. Jahrhundert hat die Brauchtumsformen der Fastnacht stark verändert. Aus der Fastnacht wird Karneval. Auftakt hierzu bildet das 40stündige Gebet, das die katholische Kirche bewusst auf die Hochtage der Fastnacht gelegt wurde. Belegt ist das Gebet 1888 in Langenbochum und 1916 in Datteln.
Ab 1840 kommen öffentliche Fastnachtsbelustigungen immer mehr in Mode. Aus dem einzigen Wochenblatt im Kreis konnten die Feierlustigen nun auch entsprechende Termine entnehmen.
Im Frühjahr 1823 setzte sich in Köln der erste Rosenmontagszug in Bewegung. Es gab Reglements und Hierarchien. Ein Vorteil bestand darin, dass Derbheiten und Zotigkeiten auch aus dem Straßenkarneval verbannt wurden. „Von Zoten frei die Narretei“ hieß der entsprechende Slogan. Die Fastnacht im Kreis Recklinghausen wandelte sich langsam aber stetig hin zum rheinländischen Karneval. Karnevalsgesellschaften gründeten sich. Die „Närrischen Spatzen“ waren 1876 mit der Belustigung betraut. Rosenmontag hatte sich noch nicht durchgesetzt, ebensowenig regierte ein Karnevalsprinz, sondern „Hanswurst“. Ab 1880 gründeten sich zahlreiche Karnevalsgesellschaften, die den rheinländischen Karneval ins Land holten. Eine Petitesse am Rande: Die Karnevalssoldaten (heute: die Funken) hielten erst spät Einzug in den Karneval im Vest, da es im Raum Recklinghausen keine antipreußische Einstellung gab wie im rheinländischen Raum. Funken gibt es in Recklinghausen daher erst seit 1914.

