
Von Gert Eiben
Dorsten. Alt ist er und schmuddelig und um ihn schön zu finden, muss man seine Phantasie kräftig anstrengen: Der Dorstener Bahnhof, der in diesem Jahr 130 Jahre alt wird, steht vor einer ungewissen Zukunft. Dem denkmalgeschützten Bauwerk droht der Abriss, weil die Stadt kein Geld für den Erhalt hat und kein Konzept für eine Vermarktung.
Am Ende einer Sackgasse, versteckt zwischen zwei Gleissträngen, fristete das Gebäude immer ein Schattendasein. Der so genannte Inselbahnhof, 1877 geplant, lag zwischen den Linien der Rheinischen Bahn (Strecke Oberhausen – Rheine, seit 1879) und der Niederländisch Westfälischen Eisenbahn (Strecke Gelsenkirchen -Winterwijk, seit 1880). Also: RhE im Westen, NWE im Osten. Die beiden Weltkriege überstand das Gebäude unbeschadet, lediglich die beiden nahen Brückenbauwerke über die Vestische Allee wurden kurz vor Kriegsende zerstört.
Nahezu unverändert blieb über die ganze Zeit das Empfangsgebäude, nur die nachträglich vorgebaute Toilettenanlage verschwand wieder, 1985 gab es einen Anstrich, 1989 wurde es unter Denkmalschutz gestellt.
2004 kaufte die Stadt Dorsten den Bahnhof samt Vorplatz und Zufahrtstraße (5.000 qm) zu einem symbolischen Preis und kündigte den Rückbau der westlichen Gleisanlage durch die Bahn an. Schließlich gibt es längst mehr Schienen als Bedarf.
Das war«s seit fünf Jahren, sieht man mal von Zwischennutzungen (z.B. durch den Billardclub) ab. Immer wieder kam die Idee auf, das Gebäude für Veranstaltungen und Gastronomie zu nutzen. Der Rhader Architekt Frank Schlecking machte den Bahnhof zum Thema seiner Diplomarbeit und schlug ein multifunktionales Bürgerzentrum vor. Die Dorstener Wirtschaftsförderungsgesellschaft (Windor) führte Gespräche mit möglichen Investoren.
Auch die Bahn bewegte sich: Sie ließ alle Leitungen entfernen und das Gebäude unbenutzbar machen. Sie wechselte immer wieder die Zuständigkeiten und ließ bislang alle Gespräche über Gleisverlegungen ins Leere laufen. Sie verschob die technische Umrüstung des Stellwerks auf die Zeit nach 2015.
Seitdem kämpft sich die Stadt durch die Hindernisse. Der Bürgermeister würzte beim Wirtschaftsgespräch kürzlich seinen Zweck-Optimismus mit bitterem Humor und sprach von einem Gestrüpp von Zuständigkeiten und skandalösen Verästelungen bei der Bahn. Immer wieder muss er die Begeisterung an den Zügel nehmen, was man alles mit dem Bahnhof, dem Gleisgelände und dem Platz hinter dem Jugendheim (wo der Media-Markt hin will) machen könnte.
Auch die Tempelmann-Gruppe (die gerade erst die Zeche gekauft hat) ist im Gespräch, denkt an Gastronomie und beklagt die Gleise, die einfach allen Ideen im Wege liegen. Mit ihnen geht offenbar gar nichts.
Und die Stadt hat keine Zeit, die Entwicklung bei der Bahn abzuwarten. Das Bahnhofsgebäude verfällt zu rasch. Wenn nicht bald etwas geschehe, müsse man über einen Abriss nachdenken, gab der Bürgermeister zu Bedenken.
Dorsten wäre dann um ein Traditionsgebäude ärmer. Für die Dorstener bliebe vielleicht noch ein Modell, ausgeschnitten aus einem Bastelbogen. Der Drostener Johannes Götte arbeitet daran.

