
Vest. Die „Erfinderin“ des Muttertages wäre entsetzt, was aus ihrer Idee geworden ist: Frieden und soziale Gerechtigkeit als besonderes Anliegen aller Mütter, das hatte Anna Jarvis im Sinn, als sie 1907 einen Gedenktag propagierte. Mehr als 100 Jahre später wird der Tag noch immer gefeiert und sein Erfolg ist insbesondere an den Umsatzzahlen bei Pralinen, Blumen und Parfüm zu messen.
Die Muttertags-Idee hatte einen Vorläufer. Die Mutter von Anna Jarvis, die Gattin eines Methodistenpredigers in West-Virginia (USA), hatte 1859 „Mothers Days Works Clubs“ gegründet. Die organisierten Medizin und Haushaltshilfen für Familien, in denen die Mutter an Tuberkulose erkrankt war. Im Gedenken an die Arbeit ihrer Mutter setzte sich die Tochter für einen Gedenktag ein. Am 12. Mai 1907, dem zweiten Todestag ihrer Mutter, veranstaltete sie einen „Memorial Mothers Day Meeting“.
Sieben Jahr später, 1914, erklärte US-Präsident Woodrow Wilson den Muttertag zum offiziellen Feiertag in den Vereinigten Staaten.
Bald kam die Idee nach Europa. In Deutschland bildete sich eine „Muttertags-Bewegung“, der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber rührte die Werbetrommel. Der Reichsbund der Kinderreichen und die Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungspolitik förderten den Tag. Ihnen ging es eher um Umsatzsteigerung oder um die Sorge um den Fortbestand des deutschen Volkes, bilanziert Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
Die Nationalsozialisten griffen die Muttertagsidee begeistert auf, der „Tag der Mutter“ wurde zum nationalen Feiertag mit groß angelegten öffentlichen Muttertagsfeiern. Seit 1940 wurde das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ verliehen – ein „Mutterkreuz“ in Bronze, Silber oder Gold.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte der Muttertag vom öffentlichen Raum ins Private. Aber mit ganz vielen Geschenken. Allein die Blumenhändler setzen 2011 für mehr als 130 Millionen Euro Schnittblumen ab.
Übrigens: Mit steigender Verbreitung und Kommerzialisierung des Muttertags wandte sich die Begründerin des Feiertages von der Bewegung ab, bereute, diesen ins Leben gerufen zu haben, und kämpfte erfolglos für die Abschaffung des Feiertages.

