
Bild: Zwei Mädchen in den 1950er Jahren mit ihrem Adventskalender. Foto: LWL/Archiv/Dr. Herwig Happe
Vest. Schon seit Wochen sind sie kaum noch zu übersehen: Adventskalender in allen möglichen Gestalten. Meist enthalten sie für jeden Tag ein Stückchen Schokolade, bisweilen auch Spielzeug, Bücher und anderen kleinen Geschenke, die schon ganze Gabentische füllen können. Die Volkskundler beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben den adventlichen Brauch erforscht.
Es fing ganz bescheiden an mit dem Adventskalender: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts überlegten sich Eltern, wie sie die Vorfreude ihrer Kinder auf das Weihnachtsfest erhöhen und zugleich auf die Ankunft des Herrn einstimmen konnten. Einige Eltern bastelten Weihnachtsuhren oder Abreißkalender. Eine einfache Variante waren Kreidestriche an der Zimmertür, von denen das Kind jeden Tag einen wegwischen durfte. In anderen Häusern gab es Kerzen, die jeden Tag um ein markiertes Stück herunterbrannten.
1903 gab der Verleger Gerhard Lang in München den ersten gedruckten Weihnachtskalender mit 24 Feldern und Versen für jeden Tag heraus. Nach seinem Vorbild richteten sich auch alle späteren Adventskalender. Langs erster Adventskalender war mit Bildern zum Aufkleben versehen. Kalender mit Fensterchen, die aufgeklappt werden konnten und in denen dann Bilder zu sehen waren, kamen nach dem Ersten Weltkrieg auf. In den 1930er Jahren wurden die ersten Kalender mit Schokoladenfüllung hergestellt.
„Ein Großteil der Kalender hat keinen religiösen Bezug mehr. Daneben gibt es selbstgebastelte Kalender, und auch Kalender mit christlichen Bildern und Sprüchen“. so der LWL-Volkskundler Dr. Thomas Schürmann
Der Adventskranz
Parallel zum Adventskalender kam der Adventskranz auf. Der erste entstand im Hamburger Stadtteil Horn. Dort hatte der Lehrer und Theologe Johann Hinrich Wichern 1833 das Rauhe Haus, eine Einrichtung für heimatlose Kinder aus schwierigen Verhältnissen, gegründet. Am 1. Advent 1839 hängte Wichern im Betsaal zum ersten Mal einen Adventskranz auf: ein altes Wagenrad mit aufgesteckten Kerzen: große weiße Kerzen für die Adventssonntage, kleinere rote für die Wochentage dazwischen. An jedem Tag in der Adventszeit wurde ein weiteres Licht angezündet. Bis zum 23. Dezember, dann wurde ein Weihnachtsbaum aufgestellt. 1860 begann Wichern, das Wagenrad zur Adventszeit mit Tannengrün zu schmücken. So entstand der später geläufige Adventskranz. Später wurden die kleineren Kerzen für die Wochentage weggelassen.
Von Anfang an gab es eine Aufgabenteilung zwischen Adventskalender und Adventskranz. So war der Kalender in der Regel ein Geschenk für das einzelne Kind, der Kranz war dagegen stets für eine Gemeinschaft bestimmt.
„Auffallend ist, dass fast alle diese Elemente, die die Kinder auf das Weihnachtsfest einstimmten, im evangelischen Milieu entstanden“, so Schürmann. „Kalender und Kranz haben jedoch früh den Sprung über die Konfessionsgrenzen gemacht.“
Strohhalme für die Krippe
Einen parallelen Brauch zum Adventskalender gab es bis in die 1960er Jahre in katholischen Haushalten des Rheinlandes und Westfalens: Jeden Abend durfte das Kind, wenn es gute Taten vollbracht hatte, einen Strohhalm in die Krippe legen, damit das Christkind weicher lag.
Der Gedanke, dass die Kinder artig sein sollten, war bisweilen auch mit dem Adventskalender verknüpft. Das Öffnen eines neuen Fensterchens galt als Lohn für gutes Betragen.

