Damals im Visier der Stasi: Ex-Bürgermeister Lothar Hentschel (SPD) Marl. Der Mann hat in Marl Geschichte geschrieben. Und doch ist sein Name nur wenigen bekannt: Dr. Wolfgang Müller. Das hat nichts mit Bescheidenheit zu tun, sondern mit dem Nebenberuf des Mannes. Er war mehr als 20 Jahr lang Top-Spion für die DDR bei den Chemischen Werken Hüls.Sein Verdienst: monatlich 400 Mark für ihn und ein gewaltiges Wissenspotenzial für die Chemie der DDR. Der gelernte Diplom-Ingenieur hatte sich schon 1957 aus ideologischer Überzeugung und materiellem Interesse der Stasi zugewandt, 1958 kam er zur CWH, für die Stasi war er „IM Hans Hildebrand“.In Marl arbeitete er im Labor des Hochhauses, neunter Stock, gewohnt hat er auf der Bergstraße. Aufgeflogen ist er erst 1990, als die Stasi-Archive geöffnet wurden.Herausgefunden hat das alles ein früherer Marler: Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs, der als Chemiefacharbeiter in Marl gearbeitet hatte, dann studierte und heute bei der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen arbeitet.Prof. Müller-Enbergs überraschte die Marler mit seinem Wissen auf einer Insel-Veranstaltung in dieser Woche. Er berichtete, dass Dr. Müller erstklassiges Material geliefert hat und dafür nach vier Jahren schon die Medaille der DDR für besondere Dienste in Bronze erhielt. Die DDR schickte ihm Auftragslisten, was er an Informationen beschaffen sollte. Als 1979 Oberleutnant Werner Stiller aus der DDR flüchtete und Listen mit Spionen mitnahm, wurde der Chemiker in Marl „abgeschaltet“ und gab bis zu seinem Ausscheiden 1990 bei der Hüls AG keine Informationen mehr weiter. Eine strafrechtliche Verfolgung war nach der Aufdeckung nicht mehr möglich. Seine Taten waren verjährt.Nur einmal gab es noch einen Engpass für ihn: Man hatte entdeckt, dass einer von vier Unterzeichnern eines Papiers ein Verräter sein musste. Dr. Müller stritt es damals ab, heute weiß man, dass er es war.Er war nicht der einzige Marler, der für die DDR von Interesse war, so die Stasi-Unterlagen. Insgesamt 78 Marler finden sich darin. Von „feindlich/kritisch (im Auge behalten)“ bis zum Agenten taugliche. Gerne wurden Studenten unterstützt, die zu schwach waren, um gute Leistungen zu bringen (und denen man beim Korrigieren ihrer Arbeiten unter die Arme griff). Aber auch zwei Gewerkschaftssekretäre waren darunter, acht leitende Angestellte, eine selbstständige Fußpflegerin, eine Hausfrau, ein Journalist der Ruhrnachrichten, eine Redaktions-Sekretärin des Bauerverlages. Und zwei bekannte Politiker, die wegen ihrer DDR-kritischen Äußerungen beobachtet wurden: Lothar Hentschel (SPD, Bürgermeister) und Maria Jacobi (CDU, Bundestagsabgeordnete).Ein Marler war der DDR völlig suspekt: Prof. Carl Heinrich Krauch, Vorstandsvorsitzender der Hüls AG. Er bot den DDR-Chemiebetrieben Geschäfte an, an denen beide Seiten verdienen könnten. Obwohl er wusste, dass die DDR bei ihm spionierte. Die Führung war von solchen Angeboten verunsichert, nahm sie aber an.Und so half Marl der DDR in schwierigen Zeiten weiter.

